Predigt zum Festhochamt zu Ehren des Heiligen Apollinaris

25.07.2016

Wieso hat Gott seinen Himmel nicht zugehalten? Er muss doch das Risiko kennen, das er eingeht, wenn er den Himmel öffnet und selbst Mensch wird in Jesus Christus. Er kommt in eine Welt, die Menschen unterdrückt, verfolgt oder gar tötet, wenn sie Botschaften verkünden, die andere als ärgerlich oder provokant finden. Das Schicksal Jesu hätte Gott doch vorhersehen können. Es war doch leichtsinnig, Jesus wie ein Schaf unter Wölfe zu schicken.

Es kommt noch heftiger, nicht nur Gott selbst kommt in Jesus wie ein Schaf unter die Wölfe, sondern er sendet in gleicher Weise seine Jünger aus: „Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. (Lk10,3 / Mt 10,16)“ Die Jünger haben das gleiche Schicksal wie Jesus  erleiden müssen. Und leider ist es so geblieben in der Geschichte der Christen. Unser Stadtpatron, der heilige Apollinaris, dessen Festwoche wir feiern, hat das gleiche Schicksal erlitten. Wie die Legenden berichten, wurde er gefoltert und verfolgt, obwohl er Gutes tat, die Botschaft vom barmherzigen Gott verkündigte und keine politische Revolution anzettelte. Dennoch wurde er verfolgt, weil er nur Gott als Gott anbetete, dem Kaiser aber keine göttliche Verehrung zukommen ließ. Und trotz der Gewalt, die er erlitt, hat er sich nicht in einen Wolf verwandelt, um selbst zurückzubeißen und die Feinde zu töten. Das ist eine ungeheuere Lebensleistung, die Apollinaris aus dem Glaube heraus gelebt hat. Er hat aus dem Glauben an den getöteten und auferstanden Christus leben und sterben können. Ich weiß nicht, ob ich in solchen Situationen, wie sie Apollinaris erlebt hat, diesen starken Glauben hätte und zu dieser gläubigen Lebensleistung fähig wäre.

Auch heute noch erleben Christen, dass sie wie Schafe unter Wölfen leben müssen. Papst Franziskus schriebt in seinem Vorwort zur Jugendbibel: „Christen werden verurteilt, nur weil sie eine Bibel besitzen. Die Bibel ist also ein äußerst gefährliches Buch. So gefährlich, das man in manchen Ländern so behandelt wird, als würde man Handgranaten im Kleiderschrank horten.“

Zurzeit erleben wir, dass Gewalt aus fernen Ländern nach Europa kommt und Angst und Schrecken, ja Entsetzen verbreitet. Diese Gewalt tötet wahllos Menschen: Gläubige und Ungläubige, Muslime, Juden und Christen, Einheimische und Touristen.

Wir erleben wie diese Anschläge das Klima im Miteinander verändern. Ist nicht doch bei den jungen Männern, die aus Afghanistan oder Syrien in unserer Nachbarschaft wohnen, auch einer dabei, der radikalisiert wird. Ist die Freundlichkeit, die einer dieser Menschen bei unseren Aktivitäten mit Flüchtlingen in unseren Gemeinden zeigt, nicht doch nur Fassade? Nachdem Sie bei uns sind, reagieren diese Flüchtlinge nicht doch befremdet auf unsere westliche Lebensweise? Die Angst bei uns ist da und verändert unseren Blick.

Zufällig bekam ich im Radio ein Interview mit einem Nordafrikaner mit. Er lebt schon über 20 Jahre in Deutschland, arbeitet hier und spricht akzentfrei Deutsch. Er sagte, dass er in den letzten Wochen noch nie so misstrauisch angesehen und mit Vorbehalten belegt wurde, die auch zum Teil ausgesprochen wurden.

Es gerät so Vieles ins Durcheinander. Das ist teuflisch. Im griechischen ist das Wort für Teufel: diabolos. Es kommt von diaballein, und heißt: durcheinander wirbeln. Und wir sind in diesen Tagen wirklich ein Stück durcheinander gewirbelt. Wir schauen anders auf fremd aussehende Menschen und reagieren auch anders auf sie.

Apollinaris hat sich nicht durcheinander bringen lassen. Er wusste, dass er unter Wölfen lebt. Und dass der Weg des Christen Barmherzigkeit bleiben muss, Verkündigung der Liebe Gottes. Und das ist kein naiver Weg, sondern ein Weg, der die Kraft des Geistes Gottes braucht. Die Frage deshalb an uns: Geben wir dem Teuflischen Raum - oder bleiben wir auf dem Weg Jesu?

Am Mittwochabend habe ich per Zufall im Internet einen Artikel unseres Kardinals Rainer Woelki gefunden, der kurz zuvor eingestellt worden ist. Er schreibt einen Gastkommentar in der Zeitung „Der Stern“ zu den Vorgängen in der Türkei. Er redet darin Erdogan an als Bruder im Gauben an den einen Gott und an das Gericht Gottes, bei dem wir Rechenschaft ablegen über unser Tun. Dazu will ich aber nichts weiter sagen. Einige Sätze haben mich im Blick auf das Thema heute Abend beim Lesen sehr berührt. Einen davon möchte ich zitieren: „Wo nämlich Barmherzigkeit fehlt, und allein Rache und Vergeltung herrschen, wird die Wahrheit zum Albtraum und so zur Lüge gegen den gnädigen und barmherzigen Gott.“ Er wendet sich dagegen, dass aus Zorn und aus Rachegedanken alle Menschen über einen Kamm geschert werden und die Wahrheit der allermeisten Menschen, die zu uns kommen, auf der Strecke bleibt: nämlich Opfer von Terror und Krieg zu sein, die zur Flucht geführt haben.

Wir kennen den lateinischen Spruch: Caritas et Amor - Hochachtung und Liebe. Der Kardinal schreibt in dem zitierten Artikel, dass man angesichts des Terrors, der unschuldige Menschen trifft, schwankt zwischen Caritas und Furor - Achtung und Zorn. Der Zorn darf aber nicht alle Achtung vor anderen Menschen zerstören. Dann werden wir ungerecht.

Als Lesung zum heutigen Fest haben wir einen Text aus Ezechiel gehört. Der Prophet stellt uns Gott im Bild des guten und sorgenden Hirten vor: Wie ein Hirt will Gott seine Schafe selbst suchen und sich um sie kümmern. Diese deutsche Übersetzung gibt nur schwach wieder, was der hebräische Text von Gott aussagt: Gott hat aufrichtige Sorge um uns, ein echtes Interesse an unseren Lebenswegen. Er begegnet uns auf Augenhöhe, sonst wäre er nicht Menschen geworden.

Der Weg und die Absicht Gottes ist der Weg der Kirchen in Düsseldorf. Darin folgen wir Gott nach, nämlich den Menschen, auch den fremden mit Interesse und Achtung und in Augenhöhe zu begegnen. Nach Ezechiel ist der Wille Gottes, dass wir Frieden finden in aller Anstrengung. Dieser Wille Gottes möge geschehen. Wir versuchen, ihn zu leben. Denn wir wissen: auch wenn es Wölfe gibt auf dieser Erde, suchen wir wie Schafe die Weide des Friedens.

Ezechiel verkündet als Gottesrede: Ich werde euch zur Ruhe kommen lassen - Spruch des Herrn. Dafür sei Gott Dank. Amen.

Karl-Heinz Sülzenfuß, Pfarrer

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