„Wer gegen Flüchtlinge und Menschen anderer Hautfarbe hetzt, hat die Kirche gegen sich“

26.02.2015

Katholischer Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus

Die deutschen Bischöfe haben angesichts der anhaltend hohen Flüchtlingszahlen bei ihrer Frühjahrs-Vollversammlung in Hildesheim erneut über den Schutz von Flüchtlingen beraten. Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Ludwig Schick (Bamberg), berichtete heute bei einem Pressegespräch in Hildesheim über den Beitrag der Kirche in Deutschland zur internationalen Hilfe für die Flüchtlinge im Nahen Osten. Besonders wies er auf den Exodus der Christen aus dieser Region hin, der dringend gestoppt werden müsse: „Das Verschwinden der reichen christlichen Kultur des Orients wäre ein unersetzlicher Verlust nicht nur für das weltweite Christentum, sondern auch für die muslimische Mehrheitsbevölkerung.“ Es müssten Bedingungen geschaffen werden, die den Menschen ermöglichen, in den Heimatländern ihren Glauben in Frieden, Freiheit und gegenseitigem Respekt zu leben.

Bischof Norbert Trelle (Hildesheim) erneuerte als Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz vor dem Hintergrund des jüngsten tragischen Bootsunglücks vor der libyschen Küste die Forderung, die Seenotrettung als zentralen Bestandteil der von der Europäischen Union koordinierten Operationen im Mittelmeer wieder auszuweiten. Er kritisierte mit Blick auf eine Reihe von Ereignissen der letzten Jahre auch den offenen und verdeckten Rassismus, den es in Deutschland trotz einer insgesamt erfreulichen Offenheit für die Aufnahme von Zuwanderern auch heute noch gebe. „Als Christen sind wir berufen, hier ein deutliches Zeichen zu setzen: Wer gegen Flüchtlinge, Fremde, Migranten und Menschen anderer Hautfarbe hetzt, der hat die Kirche gegen sich“, so Bischof Trelle. Die Deutsche Bischofskonferenz lobe daher in diesem Jahr erstmals den „Katholischen Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ aus. Damit solle das Engagement von Katholiken gewürdigt werden, die sich aus dem Glauben heraus gegen diese menschenverachtenden Einstellungen wenden und für ein respektvolles Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft eintreten. Der Preis solle auch dazu beitragen, weitere Initiativen zu ermutigen. Er wird auf Vorschlag einer Jury durch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz verliehen und ist mit einem Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro dotiert, das auf bis zu drei Preisträger aufgeteilt werden kann. Bischof Trelle hat als Vorsitzender der Migrationskommission den Vorsitz der Jury übernommen: „Ich freue mich, dass wir auch viele profilierte Streiter gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gewinnen konnten, mit uns die vorgeschlagenen Projekte zu begutachten.“ Bewerbungen und Vorschläge für mögliche Preisträger können ab sofort im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz eingereicht werden. Die Übergabe des Preises ist für den 16. November 2015 in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin geplant.

Bischof Dr. Heiner Koch (Dresden-Meißen), der Mitglied der Migrationskommission ist, ging vor der Presse auf die öffentliche Diskussion um Zuwanderung und Integration ein: „Wir müssen feststellen, dass es der Politik – und auch der Kirche – nicht immer gelingt, als richtig und notwendig erkannte Entscheidungen so zu kommunizieren, dass sie auch bei diesen Menschen Zustimmung erfahren.“ Diese Entwicklung müssten Kirche und Staat ernst nehmen, ohne sich die oft allzu einfachen Lösungsvorschläge für tatsächliche oder vermeintliche Probleme zu eigen zu machen. Für die Kirche sei klar, dass die Sorge um die Schwächsten, um die Fremden und die Flüchtlinge zum Kern des Christseins gehöre. Christus selbst habe sie der Kirche aufgetragen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

In dem Pressegespräch bei der Frühjahrs-Vollversammlung nahm Bischof Trelle auch zur aktuellen Debatte um das Kirchenasyl Stellung und bekräftigte: „Es geht dabei nicht um ein Gnadenrecht, sondern darum, im Einvernehmen mit den Behörden nach Recht und Gesetz eine Lösung zu finden. Dass dies in der überwiegenden Mehrheit der Fälle gelingt, dient dem Rechtsfrieden und dem in unserer Verfassung verankerten obersten Ziel der Rechtsordnung: die Würde des Menschen zu schützen.“

Hintergrund zum Katholischen Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus:
Bewerbungen und Vorschläge für mögliche Preisträger sollten eine kurze schriftliche Beschreibung (ca. 2 DIN A 5 Seiten) des Projekts bzw. des persönlichen Engagements enthalten, der auch schriftliche oder elektronische Publikationen hinzugefügt werden können. Einsendeschluss ist der 30. April 2015. Bewerbungen und Vorschläge sind an das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bereich Weltkirche und Migration, Kaiserstraße 161, 53113 Bonn, zu richten.

Zur Jury des Preises gehören:

Bischof Norbert Trelle, Vorsitzender der Jury
Bischof von Hildesheim, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz

Gabriele Erpenbeck
Vorsitzende des Ökumenischen Vorbereitungsausschusses zur Interkulturellen Woche

Prälat Dr. Peter Neher
Präsident des Deutschen Caritasverbandes

Dr. Heribert Prantl
Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung

Ingrid Sehrbrock
1987–2013 stellvertretende Bundesvorsitzende der CDA (Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft), 1999–2013 Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes

Dr. h.c. Wolfgang Thierse
Bundestagspräsident a. D., Mitglied des Deutschen Bundestages 1990-2013

Josef Philipp Winkler
Mitglied des Deutschen Bundestages 2002-2013, Sprecher des Sachbereichs „Politische und ethische Grundfragen“ im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)


Statement von Bischof Dr. Heiner Koch (Dresden-Meißen), Mitglied der Migrationskommission und der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, im Pressegespräch „Herausforderungen der Migration in Deutschland“ am 25. Februar 2015 in Hildesheim

Auch unter katholischen Christen bleibt das öffentliche Eintreten der Kirche für Flüchtlinge und das konkrete Engagement vor Ort nicht immer unwidersprochen. Ich will daher zunächst noch einmal die Motive für unser Engagement aufzeigen und einige Beispiele nennen, bevor ich auch auf die Kritik eingehe.

1. Es ist klar: Die Kirche setzt sich nicht deshalb für Flüchtlinge und Migranten ein, weil sie sich davon positive Schlagzeilen verspricht. Die Sorge um die Schwächsten, um die Fremden, die Flüchtlinge gehört vielmehr zum Kern unseres Christseins. Christus selbst hat sie uns aufgetragen: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40).

Die Kirche in Deutschland und weltweit ist schon lange bemüht, diesem Anspruch im Handeln für Fremde und Flüchtlinge gerecht zu werden. Das besondere Engagement von Papst Franziskus hat uns aber noch einmal wachgerüttelt und motiviert, die Anstrengungen zu steigern.

2. Der Schutz von Flüchtlingen bleibt unbestritten eine rechtliche und moralische Verpflichtung für den ganzen Staat und für die ganze Gesellschaft. Die Kirche appelliert aber nicht nur an andere, tätig zu werden. Sie leistet auch nicht unbeträchtliche eigene Beiträge. Da ist zunächst die hohe Spendenbereitschaft der Gläubigen für die Flüchtlingshilfe im In- und Ausland. Dabei geht es zum einen um Geldspenden, aber auch um Sachspenden. Ich will mich hier auf ein kleines Beispiel aus meinem eigenen Bistum beschränken: Nach einem Gespräch mit der sächsischen Staatsministerin für Integration haben wir vor wenigen Wochen spontan dazu aufgerufen, für Flüchtlingsfamilien dringend benötigte Kinderwagen zur Verfügung zu stellen. Ein kleines Zeichen nur, aber eine konkrete Hilfe für Familien mit kleinen Kindern. Ein zentrales Element kirchlicher Unterstützung für Flüchtlinge ist die kontinuierliche Arbeit der hauptamtlichen Mitarbeiter unserer Verbände und Einrichtungen, die gerade in der Flüchtlingsberatung zu einem guten Teil aus Eigenmitteln finanziert werden. Ich freue mich, dass die Kirche in Deutschland in der Lage ist, hier auch dank der Kirchensteuern substanzielle Beiträge zu leisten

Aus Kirchensteuern, oft ergänzt durch Spenden, stammen auch die Mittel für die zusätzlichen Fonds, mit denen viele Diözesen in Deutschland den Flüchtlingen unbürokratisch helfen. Große und finanzstarke Bistümer haben hier teilweise siebenstellige Summen zur Verfügung gestellt, aber auch die weniger begüterten tun das ihnen Mögliche. Mit diesen Fonds können wir auch die vielfältige ehrenamtliche Arbeit für Flüchtlinge und mit Flüchtlingen fördern. Hier ist in letzter Zeit manches in Bewegung geraten. In vielen Bistümern gibt es Initiativen, um engagierte Menschen zu qualifizieren, zu begleiten und miteinander zu vernetzen. Dazu wurden beispielsweise Handreichungen erstellt, die erste Informationen über die Situation von Flüchtlingen bieten und Möglichkeiten für ehrenamtliche Begleitung und Hilfe aufzeigen. Vielerorts werden für die hier Engagierten Fortbildungen und fachliche Begleitung angeboten.

Erwähnung verdienen auch die Bemühungen, Unterkünfte für Flüchtlinge bereitzustellen. Eine genaue Bestandsaufnahme ist wegen der Vielzahl kirchlicher Körperschaften, die Gebäude zur Verfügung stellen, schwierig. Die Zahl liegt aber deutlich im vierstelligen Bereich.

Allen, die sich haupt- oder ehrenamtlich in Gemeinden, Verbänden und Einrichtungen oder ganz persönlich in diesem Bereich einsetzen, danke ich von Herzen. Sie tragen dazu bei, Deutschland ein buchstäblich freundliches Gesicht zu geben. Das tut vielen Flüchtlingen gut und es tut auch unserer Gesellschaft gut.

3. Das öffentliche Eintreten für den Flüchtlingsschutz und das konkrete Engagement der Kirche haben viel Zustimmung und Unterstützung erfahren. Es erreichen uns allerdings auch viele Zuschriften, die teilweise heftigen Unmut über diese Schwerpunktsetzung zum Ausdruck bringen. Manche sorgen sich, dass Deutschland und die Kirche den Zustrom nicht bewältigen können, andere befürchten einen Verlust kultureller Identität. Die öffentliche Aufmerksamkeit für die in Dresden unter der Bezeichnung „PEGIDA“ bekannt gewordene Gruppierung und ihre lokalen Ausprägungen andernorts hat nach dem merklichen Rückgang der Zahl der Demonstranten bereits nachgelassen. In ihrer besonderen Form handelte es sich wohl um ein vorrangig regionales Phänomen. Die diesen Demonstrationen zugrunde liegenden Probleme sind allerdings nicht auf Sachsen beschränkt und auch nicht mit dem Abflauen der Kundgebungen verschwunden. Es deutet Vieles darauf hin, dass hier ein bisher schweigender Teil der Bevölkerung teils lautstark sein Unbehagen mit einer Reihe gesellschaftlicher Entwicklungen artikuliert. Dabei handelt es sich nicht um „abgehängte“ und von gesellschaftlicher Teilhabe weitgehend ausgeschlossene Menschen, sondern um einen Querschnitt durch nahezu alle Schichten. Ein verbindendes Element vieler Forderungen scheint die Kritik an einer zunehmenden Vielfalt unserer Gesellschaft zu sein. Dazu gehört nicht nur eine ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt, sondern auch eine Vielfalt von Lebensentwürfen. Herausforderungen im Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft, die es unbestreitbar gibt, führen zur Sorge vor einer „Überfremdung“, die einen konstruktiven Umgang mit der Vielfalt erschwert.

Wir müssen feststellen, dass es der Politik – und auch der Kirche – nicht immer gelingt, als richtig und notwendig erkannte Entscheidungen so zu kommunizieren, dass sie auch bei diesen Menschen Zustimmung erfahren. Es ist zu befürchten, dass sich die repräsentative Demokratie bei einem Teil der Bevölkerung in einer Legitimationskrise befindet. Diese Entwicklung müssen wir ernst nehmen, ohne uns die oft allzu einfachen Lösungsvorschläge für tatsächliche oder vermeintliche Probleme zu eigen zu machen.

4. Nach wie vor gilt, was wir Bischöfe schon vor einigen Jahren in der Diskussion um die gesellschaftliche Integration von Zuwanderern betont haben: Eine gute Zukunft für unser Land kann weder durch Assimilationsdruck auf die Migranten noch durch die Entstehung von Parallelgesellschaften gelingen. Echte Integration erfordert Beiträge sowohl der einheimischen, wie der zugewanderten Bevölkerung. Das Zusammenleben in Vielfalt und ein friedliches Austragen von Konflikten müssen im Alltag immer wieder neu (ein)geübt werden. Die kulturellen, aber auch religiösen Überzeugungen und Prägungen der Zuwanderer verändern unsere Gesellschaft. Sie gefährden sie aber nicht in ihren Grundlagen, wenn Einheimische und Zugewanderte wissen, auf welchem Fundament sie stehen, wenn sie unsere Gesellschaftsordnung schätzen und dafür einstehen. Gesellschaftliche Integration – übrigens nicht nur von Zuwanderern – bedarf zum einen der Werteordnung unserer Verfassung als festes Fundament und zum anderen des wechselseitigen Interesses aneinander. So eröffnen sich für unsere Gesellschaft Chancen der sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung.

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