„Es ist wichtig, den Menschen sein Herz zu schenken“

30.06.20 12:30
Sabine Polster
Frank Heidkamp

Düsseldorf. Seit Anfang April ist es amtlich: Pfarrer Frank Heidkamp, leitender Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Düsseldorfer Rheinbogen, wird zum 1. September Stadtdechant von Düsseldorf, Leitender Pfarrer an St. Lambertus und Leiter der Citypastoral. Martin Kürble, Pastoralreferent im Rheinbogen, führte kurz nach der Ernennung durch den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki ein Interview mit dem designierten Stadtdechanten, der das Amt bereits seit einem Jahr kommissarisch innehat. Das komplette Interview gibt es zum Nachhören unter: www.soundcloud.com, Seelsorgeeinheit Düsseldorfer Rheinbogen. 

Die Resonanz auf die Ernennung war insgesamt sehr positiv, natürlich sind die Menschen hier im Rheinbogen auch traurig, dass du nach 13 Jahren gehen wirst. Wie geht es dir mit dieser Entscheidung?  

Wenn man fast 13 Jahre hier im Rheinbogen gewesen ist, sind natürlich viele Kontakte entstanden, viele tolle Erlebnisse hatte ich und deshalb bin ich traurig, zu gehen. Aber gleichzeitig bin ich ein Mensch, der auch nach vorne guckt und sagt, ich bin gespannt auf die Herausforderungen, die nun auf mich zukommen. 

Was ist für dich Heimat geworden im Rheinbogen? Was ist das, wo du sagst das bedeutet mir viel und das verursacht auch den Schmerz?

Es sind die Menschen. Es hat viele tolle Begegnungen gegeben, es sind neue Freundschaften entstanden. Heimat ist da, wo man sich wohlfühlt, wo Menschen einen verstehen, wo man gemeinsam Dinge auf den Weg bringt und das wird jetzt anders werden. Daher tut es erst mal weh, davon Abschied zu nehmen. 

Was waren die Highlights in den vergangenen Jahren, was hast du für dich als bereichernd empfunden? 

Das waren ganz viele persönliche Begegnungen. Mir geht es nie so um ein Großereignis. Das ist immer nur eine Momentaufnahme. Das waren viele Gespräche, wo ich helfen konnte, viele Gespräche, wo meine Seele auch zum klingen gekommen ist und das war toll. 

Ist es das, was dich als Seelsorger ausmacht?

Ja, den Menschen nahe sein, Menschen zu helfen, in Freud und Leid zu Leuten zu stehen. 

Passt das denn zur Aufgabe des Stadtdechanten?

Ja! Wenn ein Stadtdechant kein Herz hätte, sondern nur ein Bürokrat wäre, wäre er fehl am Platze. Ich glaube gerade, wenn man in der Hierarchie der Kirche bestimmte Aufgaben übernimmt, ist es ganz wichtig, bodenständig zu bleiben, den Menschen nahe zu sein und sein Herz den Menschen zu schenken. 

Was würdest du denn sagen, was deine Stärken sind und welche Bedeutung haben sie für Düsseldorf?

Ich glaube, ich bin ein sehr ruhiger und gelassener Mensch. Ich kann gut zuhören und ich glaube, ich bin oft ein guter Brückenbauer. In einer Großstadt ist es immer wichtig, Menschen zusammenzuführen und eine Gemeinschaft zusammenzuhalten. Wir sind in Düsseldorf rund 190.000 Katholiken. Da ist es wichtig, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Deshalb ist dieses Miteinander ganz entscheidend - auch über die katholische Kirche hinaus: das Miteinander der Konfessionen, der Religionen, der Kontakt zur Stadt und die gegenseitige Stützung und Unterstützung. 

Jetzt haben wir über deine Stärken gesprochen. Es gibt immer auch die Gegenseite: die Schwächen. Was sind deine Schwächen?

Ich bin zu ungeduldig. Man sagt mir nach, dass ich manchmal zu genau bin. Meine Sekretärinnen schimpfen oft, wenn ich noch einen Kommafehler entdecke bei irgendwelchen Unterlagen, die gerade vor mir liegen. Manchmal will ich auch zu perfekt sein. 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass auch Kreativität eine deiner Stärken ist. Wie willst du deine Kreativität in die neue Aufgabe einbringen? 

Ich bin sehr kreativ, möchte sehr innovativ arbeiten und da bin ich so sehr dynamisch und suche natürlich immer wieder Mitstreiter. Es tut gut, sehr lebendig an Dinge heranzugehen. 

Im Hinblick auf Citypastoral: Was kannst du dir vorstellen als Innovation, was braucht das katholische Düsseldorf jetzt gerade in der Innenstadt?

Ich glaube, die Innenstadt von Düsseldorf birgt viele Chancen. Ganz viele Menschen kommen und sind neugierig auf die Kirchen hin. Da haben wir schon tolle Angebote, was Gottesdienste, was Veranstaltungen, was Gespräche angeht. Das muss sicherlich noch mal intensiviert werden und es muss geschaut werden, welche Akzente man an den einzelnen Kirchen der Innenstadt setzen kann. Außerdem haben wir das tolle Maxhaus mit über 70.000 Personen, die jedes Jahr dorthin kommen zu den verschiedensten Veranstaltungen, Ausstellungen und Ähnlichem. Das kann locken und da ist auch der Reiz drin und die Motivation da nochmal neue und interessante Akzente zu setzen. 

Du bist schon seit einem Jahr kommissarischer Stadtdechant und hast viel „reingeschnuppert“. Was sind denn die Baustellen?

Die Baustellen sind sicherlich, dass in Düsseldorf die Kirchengemeinden viel Stadtteilarbeit betreiben, aber das Gefühl „wir sind eine Stadtkirche“ noch nicht so ausgeprägt ist. #himmelsleuchten, die missionarische Aktion, hat sicherlich manchmal den Blick geöffnet für andere Stadtteile, für andere Gemeinden. Aber da muss noch viel dran gearbeitet werden. Wir haben in den nächsten Jahren einige personelle Veränderungen in der Innenstadt, was zum Beispiel das Maxhaus angeht. Da müssen wir gucken, dass wir auch weiterhin gut aufgestellt sind. Die Kirchen in der Innenstadt werden ein Thema sein. Auch das Corona-Virus wird uns lange beschäftigen und gerade in der Altstadt mit ganz vielen Restaurants, Gaststätten und Kneipen wird es auch Insolvenzen geben. Wie kann man den Menschen dort nahe sein?  Wie kann man Obdachlosen in der Innenstadt nahe sein? Das sind weitere Themen, die anstehen. Auch der Pastorale Zukunftsweg wird ein Schwerpunkt sein. Wie können wir bei größer werdenden Gemeinden den Menschen trotzdem eine Heimat bieten? Wichtig ist auch, dass die Verbände weiter gefördert werden. Viele Ideen der Gründer sind bis zum heutigen Tag sehr aktuell. Es gibt also viel zu tun. 

Du hast als Stadtdechant auch ein politisches Amt. Wie willst du in Zukunft dem politischen Düsseldorf entgegentreten?

Das bedeutet erst einmal gute Kontakte zum Oberbürgermeister zu haben, zu den Verwaltungsgremien der Stadt, aber auch zu den politischen Parteien, um dann zu schauen, wie können die christlichen Werte dort auch in die Tat umgesetzt werden. Was in der nächsten Zeit sicherlich dran ist, ist das Thema Kindertageseinrichtungen. Die Stadt Düsseldorf hat bisher viele Gruppen bezuschusst. Wie geht es damit weiter? Oder auch ein anderes Thema: Alten- und Pflegeheime, wie werden die eine Zukunft haben? Die katholischen Krankenhäuser, wie können die kooperieren mit anderen Krankenhäusern in dieser Stadt? Das sind Themen, die mit der Politik bzw. mit der Verwaltung besprochen werden müssen. 

Gucken wir mal auf dich als Mensch, als Seelsorger. Was tut dir gut? 

Gut tut mir die Begegnung mit interessanten Menschen. Gut tut mir auch, einfach mal Luft zu haben, um an die frische Luft zu gehen. Ich bin ein Mensch, der Zirkusse liebt. Ich wollte gerne immer Zirkusseelsorger werden, hat nur leider nicht geklappt. Ich bin interessiert an schöner Musik und hoffe, dass auch in der nächsten Zeit immer mal wieder Zeit dafür ist. 

Wir können hier im Rheinbogen sagen, dass du ein Arbeitstier bist. Wo suchst du dir oder wo findest du die Atempause?

Es gibt die Atempausen. Aber ich trenne Privates und Dienstliches nicht so voneinander. Ich kann auch auftanken in Gesprächen mit Menschen, wo andere vielleicht sagen würden, das ist Arbeit. Ich bin ein sehr offener Mensch und sauge aus Begegnungen und aus Erfahrungen immer wieder neue Kraft. Das tut mir gut. Ja, es ist richtig, ich bin ein Arbeitstier und man muss mich manchmal auch treten, weil mir einfach die Arbeit viel zu sehr Spaß macht. Aber ich brauche auch Urlaub, so ist das nicht. Ägypten ist immer noch mein Lieblingsland. 

Gibt es eine Bibelstelle, einen Spruch der dich durch dein Leben begleitet? 

Die Emmaus-Jünger. Das war auch mein Primiz-Evangelium, weil ich in dieser Bibelstelle unendlich viel entdecke. Diese Geschichte motiviert mich. Den Notleidenden nah zu sein und selber immer wieder neu an den Stellen zu sein, wo Gott mich hinschickt und da zu wirken und dort zu sagen fürchtet euch nicht, Gott ist mit euch und bei euch. Und das verbinde ich auch immer mit dem evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer mit seinem Text „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Deshalb: mit viel Optimismus, mit viel Freude und Gottvertrauen an Dinge herangehen, das ist auch mein Motto.